Dienstag, 24. Oktober 2017

Was bleibt, ist puderfarben

Ich bin, denke ich, eigentlich ein recht verlässlicher Mensch, und trotzdem zeigt mir das Leben immer wieder, dass man nichts wirklich planen, und nie sicher sein kann, dass sich Prioritäten nicht einfach verschieben. Sicher haben auch einige meiner Freunde festgestellt, dass meine Aufmerksamkeit nicht mehr die selbe ist, dass ich mit den Gedanken manchmal ganz woanders bin und hin und wieder Dinge auch einfach vergesse. Das wäre mir früher nicht passiert. Aber meine Freunde wissen auch, woher dieser Wandel kommt, und die meisten, vor allem die, die selber Kinder haben, verstehen es, und wundern sich gar nicht. Danke euch dafür!
Kinder verändern alles, zumeist im guten Sinne, aber Silberteller habe ich wohl mehr als vernachlässigt. Mein Sohn wird in zwei Monaten zwei Jahre alt und das Arbeitsleben hat mich seit bald zwei Monaten wieder zurück. Nachdem ich im letzten Jahr kaum an meinen Blog gedacht habe, und wenn dann nur sehr kurz und mit sehr schlechtem Gewissen, möchte ich jetzt wieder mehr Zeit hier verbringen, denn er ist ein Teil von mir, den ich nicht verlieren will und den Instagram einfach nicht ersetzen kann.

Wie nun anschließen an einen Post, der zwei Jahreszeiten zurückliegt, einen ganzen Frühling und einen langen Sommer, den ich zuhause verbracht und so intensiv erlebt habe, dass es mir manchmal vorkommt, als wäre all das in einem anderen Leben passiert, aus dem ich jetzt wieder zurück in mein altes Leben gekehrt bin. Und trotzdem, als ich meinen letzten Eintrag vor diesem einzigartigen Sommer, nun noch einmal gelesen habe, und ich gebe zu, ich konnte mich kaum erinnern, was ich damals geschrieben hatte, fiel mir auf, dass sich in einem Punkt nicht viel verändert hatte. Der Herbst ist heuer früh eingezogen und hat jetzt, Mitte Oktober, seinen Höhepunkt schon überschritten. Die leuchtend roten, orangefarbenen und gelben Blätter der Bäume und das goldene Licht weichen grauen Nebelmorgen und gedämpften Farben, bei uns zuhause - wie auch im Frühling - rosa, das im länger währenden Jahr immer mehr zu einem zarten Puderton wird.

Noch im September haben wir ein verlängertes Wochenende in Lyon verbracht, Philipps erster Flug, erste Städtereise und sein erstes Mal in Frankreich, das Land, in das er, dank meiner und Michaels Leidenschaft, sicher noch oft reisen wird. Auch wenn wir leider alle drei kurz hintereinander einen Virus aufschnappen mussten, der Philipp zwei, Michael drei und mich vier Tage lang außer Gefecht setzte, hat sich, wie erwartet, Lyon, die Stadt der Gourmets, als ideales Ziel für unsere erste gemeinsame Frankreichreise erwiesen. Am ersten und am letzten Tag hatten wir die Möglichkeit, uns durch Lyons Spezialitäten zu kosten. Philipp steht den kleinen Franzosen in nichts nach, er ist neugierig, kostet alles, isst foie gras und sein Steak haché, Teil des Kindermenüs im Grand Café des Negociants, medium. Immer wieder hören wir, dass Kinder zuerst alles essen, und plötzlich gar nichts mehr, oder nur mehr ein bis zwei Speisen. Wir hoffen, wie so oft und wie viele Eltern, dass das bei Philipp anders sein wird und er ein kleiner Gourmet bleibt.






Wieder zurück in Österreich, fuhr ich in der Wiener Innenstadt, um einen blauen Parka zu retournieren, der mir nicht gefallen hat (mittlerweile habe ich einen olivgrünen gefunden, wie ich ihn letztes Jahr eigentlich schon haben wollte, keine Sorge ; ) Jedes Mal, wenn ich über den Wiener Kohlmarkt gehe, muss ich am Schaufenster der legendären Konditorei Demel stehen bleiben und ein Foto machen. Obwohl stets klassisch, greift die Schaufensterdekoration trotzdem immer die neuesten Trends auf und inspiriert mich jedes Mal. Diesmal fand ich - da ist es wieder - zarte puder- und beerenfarbene Kuchen, dezente goldene Hirschfiguren und Kerzenleuchter, dunkelgraue (wirklich angezündete!) Kerzen und über den Tisch hängende, simple Leinenservietten vor.

Leider konnte ich nicht, wie ich nur allzu gern getan hätte, das gesamte Ensemble, inklusive Tisch, mit nach Hause nehmen, aber der Eindruck, den es bei mir hinterlassen hatte, blieb und wurde beim nächsten Essen mit Gästen, das wir bei uns zuhause veranstaltet haben, als Vorbild verwendet.






Letztes Wochenende feierten wir Michael vierzigsten Geburtstag. Als Überraschung für das Geburtstagskind, das ja - wie bekannt - gerne und exzellent kocht, hatte ich eine professionelle Küche in der Nähe des Wiener Naschmarkts gemietet und wir haben gemeinsam mit sechzehn von Michaels engsten Freunden ein Menü bestehend aus wärmender Kürbiscremesuppe mit Zimt (aus dem herrlichen Buch "L'Art de la Table" von Gintare Marcel), handgefertigten Ravioli gefüllt mit einer Prosciutto crudo-Ricotta-Mischung, vier Knoblauchhühnern, einem duftenden Lammeintopf mit Zwetschkensauce, Wintergemüse aus dem Ofen, einer Apfelmus-Topfencreme mit karamellisierten Nüssen, dem schnellsten Bananen-Schokoladeeis aller Zeiten (wieder von Gintare Marcel) und der besten Sachertorte auf der Welt, der meiner Nachbarin und Wahlschwester, gezaubert. Ich denke, alle hatten Spaß, und Michael hat mir bestätigt, eine Kochparty mit all seinen Freunden sei eine meiner besten Ideen bislang gewesen : )

Von der Party übrig blieb jede Menge Fladenbrot, das wir am Abend danach, gespickt mit Frühlingszwiebeln und Greyerzer gemütlich mit Wolldecken zugedeckt auf der Couch genossen. Außer dem Fladenbrot hatte ich am Naschmarkt noch nach Blumen Ausschau gehalten, um die Mason Ball-Gläser, die ich mitgebracht hatte - Michaels Party hatte passend zu seinem Alter ein Vintage-Thema, wie guter Wein oder Whisky ist auch er one of a kind vintage aged to perfection - zu füllen. Was fand ich bei strömendem Regen am schönsten Blumenstand des Markts vor? Tulpen in allen Farben und Formen! Den Bruchteil einer Sekunde lang schoss mir unwillkürlich ein "Die ersten Tulpen! Der Frühling ist da". Ich hatte tatsächlich kurz vergessen, dass Herbst war und der Winter noch vor mir lag. Nach kurzer Ernüchterung und der schnell darauffolgenden, beruhigenden Vorfreude auf heißen Glühwein, Besuche von Adventmärkten, ersten Schneeflocken und Nachmittagen vor dem prasselnden Kamin, die ich vermissen würde, gäbe es keinen Winter, entschied ich mich für weiße Papageientulpen mit zartgrünen Rändern, so wie letzten Frühling auch. Es hat sich in meinem Leben also doch nicht so viel verändert, seitdem ich meinen letzten Post geschrieben habe. Hier kann ich anknüpfen.





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